Im CELMRAZ – November 2022


War­um als Balu­mil-Com­pas ins CELMRAZ im zapa­tist­si­chen Cara­col II von Oven­tik? Wir glau­ben, es kann sehr unter­schied­li­che Grün­de geben, die Sinn machen: von Cas­tel­lano oder Tsot­sil ler­nen, um sich mit der zapa­tis­ti­schen Bewe­gung aus­zu­tau­schen, sie in ihrem auto­no­men Bil­dungs­be­reich direkt mate­ri­ell zu unter­stüt­zen und das Erleb­te spä­ter mit den Men­schen zu Hau­se zu tei­len – oder auch um sich selbst in Bezug auf sich und die Welt mal zu che­cken …

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Wir, zwei Men­schen aus der BRD, flie­gen Ende Okto­ber 2022 nach Chia­pas, um drei Wochen im Cara­col II Oven­tik im CELMRAZ (Cen­tro de Espa­ñol y Len­gu­as Mayas Rebel­de Autó­no­mo Zapa­tis­ta) zu ver­brin­gen. Nach einer Woche Zeit zum Ankom­men und Vor­be­rei­ten in San Cris­tó­bal de las Casas (im Fol­gen­den schrei­ben wir nur San Cris­tó­bal) machen wir uns dann auf den Weg ins Cara­col. Wir fah­ren mit einem Gemein­schafts­ta­xi, das, wie auf der Home­page vom Celm­raz beschrie­ben, 65 Pesos kos­tet. Die An- und Abrei­se nach Oven­tik und von dort zurück nach San Cris­tó­bal ist etwa 1 bis 1,5 Stun­den Auto­fahrt. Nur sel­ten müs­sen wir bis zu zwei Stun­den war­ten bis genug Mitfahrer:innen im Taxi sind.

Bei der Ankunft geben wir unse­ren Balu­mil-Aval an die Com­pa­ñerxs Zapa­tis­tas am Tor. Nach einer kur­zen War­te­zeit wird uns das Tor geöff­net und wir wer­den zu dem Räum­lich­kei­ten des Celm­raz geführt. Kur­ze Zeit spä­ter wer­den wir von den zwei Com­pa­ñe­ras, die für das Essen zustän­dig sind, gefragt, ob wir an die­sem Sonn­tag­abend Essen möch­ten. Wir sagen zu und sit­zen eini­ge Stun­den spä­ter vor rie­si­gen Tor­tas (Sand­wi­ches), die wir mit einem üppi­gen Schwung Mayo ver­zie­ren. Mit uns sind wei­te­re Inter­na­cio­na­les vor Ort. Die Grup­pe ist jedoch jede Woche unter­schied­lich zusam­men­ge­setzt und wir erle­ben jede Woche eine unter­schied­li­che Dyna­mik der Inter­na­cio­na­les (u.a. auch aus den USA, Kata­lo­ni­en und dem Bas­ken­land) – unter­ein­an­der und mit­ein­an­der. Manch­mal ist es lus­tig, bis die Bäu­che weh tun und manch­mal mehr zurück­ge­zo­gen, und manch­mal auch ein biss­chen anstren­gend mit all den ver­schie­de­nen Bedürf­nis­sen und unter­schied­li­chen Sprach­kennt­nis­sen.

Mon­tag bis Frei­tag haben wir täg­lich zwei Stun­den Unter­richt in Cas­tel­lano und eine Stun­de eine gemein­sa­me »Akti­vi­tät«, wie es die Com­pas nen­nen. Wir ste­hen um 9 Uhr vor dem Raum, in dem es auch eine klei­ne Biblio­thek gibt. Manch­mal wird eine:r auch wie­der weg­ge­schickt, für sie:ihn fängt der Unter­richt erst eine oder zwei Stun­den spä­ter an. Eigent­lich sind die Nach­mit­ta­ge für Akti­vi­tä­ten vor­ge­se­hen, doch manch­mal fin­det – je nach Wet­ter oder Gege­ben­heit – die Akti­vi­tät auch vor­mit­tags statt und um 17 Uhr die Unter­richts­stun­den.

Die Akti­vi­tä­ten sind unter­schied­lich. Wir machen Tor­til­las, sind mit Mache­ten auf dem Kaf­fee­feld, sin­gen mit zapa­tis­ti­schen Schüler:innen der Escue­la Secun­da­ria, und wir machen auch »eine klei­ne prak­ti­sche Übung« im tra­di­tio­nel­len Weben. All das, um ein wenig die all­täg­li­chen Arbei­ten der Pue­blos, der zapa­tis­ti­schen Gemein­den in den Altos de Chia­pas, prak­tisch ken­nen­zu­ler­nen. Tan­zen, sin­gen und gemein­sam Bas­ket­ball-Spie­len sind eben­falls zapa­tis­ti­scher All­tag der Pue­blos, um sich damit im Kol­lek­tiv Zuver­sicht (áni­mo) zu geben. Dar­um gehört all das auch zur auto­no­men Bil­dungs­pra­xis, die von den Com­pas des CELMRAZ im Cara­col II von Oven­tik ver­mit­telt wird.

Als etwas Beson­de­res unter­neh­men wir mit dem CELM­RAZ-Kol­lek­tiv einen gemein­sa­men Aus­flug in die klei­ne Stadt San Andrés Sakamch‘en de los Pobres (offi­zi­el­ler Name lau­tet: San Andrés Lar­raín­zar). Dort erfah­ren wir u.a. von den Kämp­fen um die »Ver­ein­ba­run­gen von San Andrés über Indi­ge­ne Rech­te und Kul­tur«, die die EZLN und ande­re indi­ge­ne Pue­blos dort 1996 mit der dama­li­gen mexi­ka­ni­schen Regie­rung über lan­ge Zeit ver­han­delt und abge­schlos­sen haben. Die­se Ver­ein­ba­run­gen wur­den jedoch von der Regie­rung im nach hin­ein nie­mals – bis heu­te nicht – erfüllt. In San Andrés gibt es, wie uns dort auch ver­mit­telt wird, neben der offi­zi­el­len schlech­ten Regie­rung des Land­krei­ses par­al­lel dazu die auto­no­me Regie­rung und zapa­tis­ti­sche basis­de­mo­kra­ti­sche Orga­ni­sie­rung­s­truk­tu­ren. Zurück im Cara­col haben wir an die­sem Tag nach dem Aus­flug abends Unter­richt.

Ansons­ten ist der täg­li­che Cas­tel­lano-Unter­richt geteilt in eine Stun­de Gram­ma­tik und eine Stun­de Kon­ver­sa­ti­on. Im Unter­richt sind wir zwei, die wir gemein­sam vor Ort sind, meis­tens in unter­schied­li­chen Grup­pen, wes­halb wir teil­wei­se auch unter­schied­li­che Sachen ler­nen. Inhalt ist viel Wis­sen über die zapa­tis­ti­sche Auto­no­mie in ihren ver­schie­de­nen Berei­chen (u.a. Gesund­heit, Bil­dung, Selbst­re­gie­rung) – und auch eige­ne Refle­xio­nen, die wir mit­ge­bracht haben oder vor Ort ent­ste­hen. Manch­mal hat­te die eine oder ande­re auch mal so gar kein Bock auf Ler­nen, dar­auf wur­de von den Com­pas des CELMRAZ wohl­wol­lend fle­xi­bel reagiert. Die Zeit wur­de dann mit einem net­ten Aus­tausch ver­bracht, in dem wir auch jede Men­ge Erzäh­lun­gen über kol­lek­ti­ve und per­sön­li­che Erfah­run­gen und Ein­schät­zun­gen der aktu­el­len Situa­ti­on in der BRD tei­len konn­ten.

Durch die Zeit fin­den wir selbst mehr eige­ne Wert­schät­zung für Nach­denk­lich­keit, im Han­deln und in Gesprä­chen. Nicht nur Gedul­dig­sein ist immer wie­der ein The­ma, wir ler­nen auch die Bedeu­tung von Lang­sam­keit – auf Tsot­sil: »k‘un k‘un« (»lang­sam, lang­sam«). Schnell sind wir uns einig, dass viel auch zwi­schen den Wor­ten ver­mit­telt wird. Wir ler­nen, dass Ver­ste­hen nicht gleich Ver­ste­hen ist. Das eigent­li­che Ver­ste­hen fin­det beim Zuhö­ren mit dem Her­zen, dem Füh­len und dem damit ver­bun­de­nen Ver­ste­hen statt. Immer wie­der kom­men Zwei­fel bei uns auf, eine Per­son zau­dert, die ande­re ist frus­triert. Manch­mal kämpft die eine oder die ande­re und merkt, wie wich­tig es ist, sich wie­der zu berap­peln, auf­zu­ste­hen und wei­ter zu machen. »Du kannst frus­triert sein oder dein Herz öff­nen«, sagt einer der Com­pas vom CELMRAZ. Eine merkt, dass dazu auch das Lachen gehört und der Spaß. Oder wie die Com­pas sagen »Sin bailar no hay revo­lu­ción!« (»Ohne Tan­zen gibt es kei­ne Revo­lu­ti­on!«).

Wir stel­len nach drei Wochen fest, dass die Zeit, die wir hat­ten, viel davon bestimmt war, was wir aus ihr gemacht haben. Wel­che The­men wir ange­spro­chen haben, mit wem wir Bas­ket­ball gespielt, her­um­ge­al­bert oder phi­lo­so­phiert haben. Mit einem Lächeln den­ken wir an das gemein­sa­me Sin­gen, den einen oder ande­ren Kaf­fee zu unter­schied­lichs­ten Tages­zei­ten bei der Tien­da in der Son­ne oder auch im dicks­ten Nebel, das auf der Büh­ne sit­zen beim Bas­ket­ball­platz und die Gedan­ken schwei­fen las­sen – und vor allem das vie­le gemein­sa­me Lachen beim Aus­tausch von eini­gen Kru­di­tä­ten hier, dort und über­haupt.

Auf Grund des­sen, dass wir uns dafür ent­schie­den hat­ten, an den Wochen­en­den die Zeit in San Cris­tó­bal zu ver­brin­gen, um sich auch mal auf­zu­wär­men und eine Pau­se von der inten­si­ven Zeit in den Ber­gen zu haben, fah­ren wir jeden Frei­tag Mit­tag in die Stadt und keh­ren sonn­tags ins Cara­col zurück. Um nicht zu viel Geld auf ein­mal trans­por­tie­ren zu müs­sen, gehen wir ein­mal die Woche mit allen Inter­na­cio­na­les zusam­men zur Jun­ta de Buen Gobier­no, um dort unse­ren öko­no­mi­schen Bei­trag zu über­ge­ben

Noch etwas Beson­de­res: Da wir am 17. Novem­ber, dem 39. Jah­res­tag der Grün­dung der EZLN im Cara­col sein kön­nen, fällt an die­sem Tag der Unter­richt für uns aus – und wir hat­ten die »Haus­auf­ga­be«, die Fei­er­lich­kei­ten zu beob­ach­ten. Wir konn­ten als ein­zi­ge Inter­na­cio­na­les beim Fest im Cara­col dabei sein, den Reden lau­schen und zur Cum­bia tan­zen.

Die Näch­te in Oven­tik sind kalt gewe­sen, denn es reg­net oft im Novem­ber und wir emp­feh­len des­halb wärms­tens, einen wirk­lich war­men Schlaf­sack und Regen­kla­mot­ten mit­zu­neh­men. Ein Was­ser­fil­ter kann prak­tisch sein, um nicht Plas­tik­fla­schen mit Trink­was­ser kau­fen zu müs­sen.

In unse­rer letz­ten Woche im Cara­col reg­net es meh­re­re Tage durch, alles ist feucht und wir sit­zen im Unter­richt neben klei­nen Feu­er­chen, um uns zu wär­men. Don­ners­tag und Frei­tag knallt aber die Son­ne dann so sehr, dass wir mit Son­nen­brand den Heim­weg antre­ten 🙂

Das Zurück­sein in der Stadt San Cris­tó­bal – nach den drei Wochen in den Ber­gen – über­for­dert uns zunächst. Es fühlt sich an, als wären wir aus einer »fer­nen« Welt gekom­men und sind nun in einer kom­plett ande­ren. Als dann die eine von uns noch mit Men­schen aus der BRD tele­fo­niert, gehen wir danach erst mal gemein­sam eine Beru­hi­gungs­zi­ga­ret­te rau­chen. Zu vie­le Wel­ten, die ein­fach so unter­schied­lich sind. Wir kön­nen aber sicher sagen, dass wir neben Son­nen­brand 1000 Gedan­ken und Gefüh­le mit­ge­nom­men haben, die erst ein­mal noch unsor­tiert sind, aber schon am wach­sen. Manch­mal feh­len uns noch die Wor­te.

Cla­ro ist, dass wir in unse­re Kämp­fe für eine bes­se­re Welt weni­ger Per­fek­tio­nis­mus und mehr Herz ein­brin­gen wer­den und unse­re Erfah­run­gen mit der zapa­tis­ti­schen Auto­no­mie wei­ter­ge­ben!

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