SupMarcos: All das, was gut ist

Erzäh­lung für eine Nacht des Kum­mers.

Ich sage dem Meer: Aus irgend­ei­nem Grund, den ich nicht nach­voll­zie­hen kann, könn­te der Alte Anto­nio etwas vom deut­schen Phi­lo­so­phen Imma­nu­el Kant gele­sen haben. Denn anstatt xeno­phob zu sein, ent­nahm der Alte Anto­nio der gesam­ten Welt all das, was gut war – ohne dem ein Gewicht zu ver­lei­hen, wo es ent­stan­den ist. Um sich auf gute Men­schen aus ande­ren Län­dern zu bezie­hen, ver­wen­de­te der Alte Anto­nio den Begriff »Inter­na­cio­na­les, Inter­na­tio­na­le«. Das Wort »Aus­wär­ti­ge, Frem­de« benutz­te er nur für die­je­ni­gen, die dem Her­zen ent­frem­det sind. Es spiel­te dabei für ihn kei­ne Rol­le, ob wel­che die glei­che Haut­far­be, Spra­che oder Eth­nie besa­ßen wie er selbst. »Denn manch­mal gibt es in der engs­ten Fami­lie so was wie Frem­de, Aus­wär­ti­ge«, mein­te der Alte Anto­nio, um mir die Absur­di­tät von Päs­sen zu erklä­ren.

Die Geschich­te der Natio­na­li­tä­ten jedoch, sage ich zum Meer, ja, dies ist eine ande­re Geschich­te. Die, die ich jetzt erin­ne­re, dar­in geht um die Nacht und ihre Wege.

Es war eine die­ser Mor­gen­däm­me­run­gen, in der der März sei­ne Beru­fung zum Ver­rückt­spie­len kund­tat. Nach einem Tag mit einer Son­ne so hef­tig wie die Schlä­ge einer neun­schwän­zi­gen Kat­ze – folg­te ein Abend mit grau­en Gewit­ter­wol­ken. In der Nacht türm­te ein kal­ter Wind schwar­ze Wol­ken auf, ober­halb eines blei­chen schüch­ter­nen Mon­des.

Der Alte Anto­nio hat­te Mor­gen wie Abend mit der glei­chen Ruhe vor­über­ge­hen las­sen, mit der er jetzt sei­ne Ziga­ret­te anzün­de­te. Eine Fle­der­maus flog für einen kur­zen Augen­blick um uns her­um, sicher­lich auf­ge­schreckt durch den Feu­er­schein beim Anzün­den der Ziga­ret­te. So wie der tzotz tauch­te plötz­lich mit­ten in der Nacht auf …

Die Geschich­te der Nacht­luft.

Als die größ­ten Göt­ter, die ers­ten, die die Welt erschu­fen, dar­über nach­dach­ten, wie und für was sie das, was sie tun wür­den, machen – ver­sam­mel­ten sie sich und jeder gab ein Wort, um es wis­sen zu las­sen und damit die ande­ren es ken­nen­lern­ten. Und so nahm jeder der ers­ten Göt­ter sein Wort und warf es mit­ten ins Herz der Ver­samm­lung. Dort hüpf­te es auf und ab und gelang­te zu einem ande­ren Gott, der es auf­nahm und erneut zum Her­um­hüp­fen brach­te. Wie in einem Ball­spiel gin­gen die Wor­te hin und her, bis alle sie ver­stan­den hat­ten. Dar­auf­hin tra­fen die aller­größ­ten Göt­ter – die die alles geschaf­fen haben, was wir Wel­ten nen­nen – eine Über­ein­kunft. Eine der getrof­fe­nen Ver­ein­ba­run­gen – wäh­rend sie ihre Wor­te her­vor­ge­holt hat­ten – lau­te­te: Jeder Weg soll sei­nen Weg­gän­ger haben und jeder Weg­gän­ger sei­nen Weg. Der­art ent­ste­hen die Din­ge als voll­stän­di­ge, das heißt: jeder*jede mit seiner*ihrer Ent­spre­chung.

So ent­stan­den Luft und Vögel. Das heißt: Weder gab es zuerst die Luft und dar­auf­hin die Vögel, die sie durch­flo­gen, noch war es umge­kehrt. Genau­so schu­fen sie Was­ser und Fische, die es durch­schwam­men; Erde und Tie­re, die auf ihr lie­fen; den Weg und die­je­ni­gen, die auf ihm gin­gen.

Um bei den Vögeln zu blei­ben: Da gab es einen Vogel, der hef­tig gegen die Luft pro­tes­tier­te. Er mein­te, er wür­de bes­ser und schnel­ler flie­gen, wenn die­se sich ihm nicht in den Weg stel­len wür­de. Die­ser Vogel war stän­dig am Mur­ren. Denn obwohl sein Flug beweg­lich und schnell war, woll­te er es immer bes­ser und schnel­ler tun. Laut ihm selbst gelang dies nicht, weil die Luft ihm zu einem Hemm­nis wur­de. Die Göt­ter ärger­ten sich über das vie­le Flu­chen des Vogels: Er, der in der Luft flog und sich gleich­zei­tig über die­se beschwer­te.

Somit nah­men die ers­ten Göt­ter als Stra­fe ihm sein Feder­kleid und sein Augen­licht. Nackt schick­ten sie ihn in die Käl­te der Nacht und blind muss­te er flie­gen. Sein vor­ma­lig anmu­ti­ger und leich­ter Flug wur­de nun zu einem fah­rig-töl­pel­haf­ten.

Nach­dem er immer mehr damit ver­traut war und nach viel Zusam­men­prall und Sich sto­ßen, ent­wi­ckel­te die­ser Vogel jedoch die Geschick­lich­keit, mit dem Gehör zu sehen. Mit den Din­gen spre­chend ori­en­tier­te der Vogel, der tzotz, sei­nen Weg und lern­te die Welt ken­nen, die ihm in einer Spra­che ant­wor­te­te, die nur er zu hören wuss­te. Ohne klei­den­de Federn, blind und mit ner­vös-has­ti­gem Flug bestimmt die Fle­der­maus seit­dem die Nacht in den Ber­gen, und kein ande­res Tier bewegt sich bes­ser als sie in den dunk­len Lüf­ten.

Von die­sem Vogel, dem tzotz, der Fle­der­maus haben die wahr­haf­ten Män­ner und Frau­en gelernt, dem gespro­che­nen Wort, dem Klang des Den­kens, einen so gro­ßen und mäch­ti­gen Wert zu ver­lei­hen. Sie lern­ten auch, dass die Nacht vie­le Wel­ten umfasst, und es gewusst wer­den muss, jenen zuzu­hö­ren, um sie her­vor­zu­brin­gen und erblü­hen zu las­sen. Mit Wor­ten ent­ste­hen die Wel­ten, die die Nacht ent­hält. Zum Hören gebracht, wer­den sie zu Lich­tern, und es sind so vie­le, dass die Erde sie nicht umfas­sen kann und vie­le machen es sich unter­des­sen am Him­mel bequem. Dar­um wird gesagt: Die Ster­ne ent­ste­hen unten auf der Erde.

Die aller­größ­ten Göt­ter schu­fen auch die Män­ner und Frau­en, aber nicht damit ein*r der Weg des*der ande­ren ist, son­dern damit sie zur glei­chen Zeit Weg und Weg­gän­ger des*der ande­ren sind. Sie wur­den unter­schied­lich gemacht, um zusam­men zu sein. Damit sie sich lie­ben, schu­fen die aller­größ­ten Göt­ter, die Män­ner und Frau­en. Dar­um ist die Luft der Nacht die bes­te, um zu flie­gen und nach­zu­den­ken, um zu spre­chen und zu lie­ben.

Der Alte Anto­nio hat sei­ne Geschich­te im dama­li­gen März been­det.

Im jet­zi­gen März segelt das Meer durch einen Traum, wo Wort und Kör­per sich ent­klei­den, wo Wel­ten sich bewe­gen, ohne zusam­men zu pral­len – und die Lie­be kann flie­gen ohne jeg­li­chen Kum­mer. Dort oben hat ein Stern einen frei­en Platz auf der Erde ent­deckt. Schnell lässt er sich fal­len und hin­ter­lässt für einen kur­zen Moment eine Spur auf dem Fens­ter die­ser Mor­gen­däm­me­rung. Aus dem klei­nen Kas­set­ten­re­cor­der spricht Mario Bene­det­ti, Uru­gu­ay­er von gan­zer Welt: »Ihr könnt gehen, ich blei­be.«

Noch ein PS. Wird das Meer den Zau­ber anneh­men? Das ist wie irgend­je­mand oder wer auch immer sagen wür­de: eine Unbe­kann­te.

Ok mit Nuss, noch­mals ok.

Salud. März kommt – so wie immer – ziem­lich ver­rückt daher.

Der Sup – wie es üblich ist: war­tend. Das heißt: rau­chend.

8. März 2000.