EZLN: Das Gemeinschaftliche und das Nicht-Eigentum.


Zwan­zigs­ter und letz­ter Teil:
Das Gemein­schaft­li­che und das Nicht-Eigen­tum.

»Öff­ne gut die Augen, Kind, und fol­ge dem Vogel Pujuy.
Er ver­irrt sich nicht. Sei­ne Bestim­mung ist wie die unse­re:
Einen Weg zurück­le­gen, damit ande­re den Weg nicht ver­lie­ren.«

Canek. Ermi­lo Abreu Gómez.

Ein­mal, es mag bereits Jah­re zurück­lie­gen, haben die zapa­tis­ti­schen Pue­blos »den Kampf als Frau­en, die wir sind« erklärt (*1). Sie zeig­ten dar­in auf, dass nicht eine Fra­ge des rei­nen Wil­lens, der Bereit­schaft oder des Stu­di­ums die­se Ver­än­de­rung mög­lich mach­te, son­dern die mate­ri­el­le Basis: die öko­no­mi­sche Unab­hän­gig­keit der zapa­tis­ti­schen Frau­en. Sie mein­ten damit nicht, eine Anstel­lung und ein Gehalt haben zu wol­len oder die geld­li­chen Almo­sen, mit denen die Regie­run­gen aller poli­ti­schen Spek­tren Wahl­stim­men und Anhän­ger­schaft kau­fen. Sie zeig­ten, dass die kol­lek­ti­ve Arbeit der frucht­ba­re Boden für die­sen Wan­del war/ ist. Damit gemeint ist eine orga­ni­sier­te Arbeit, wel­che nicht das indi­vi­du­el­le Wohl­erge­hen zum Ziel hat, son­dern das der Grup­pe. Es ging dabei nicht nur dar­um, sich für Kunst­hand­werks­ar­bei­ten, Han­del, Rin­der­auf­zucht oder Mais-, Kaf­fee- und Gemü­se­an­bau- und -ern­te zusam­men­zu­tun. Viel­leicht oder vor allem ging es dar­um, ihre eige­nen Räu­me ohne Män­ner zu haben, zu schaf­fen. Stellt Euch vor, was sie dort damals zwi­schen sich alles bespro­chen haben und [wei­ter­hin] bespre­chen: ihre Schmer­zen, ihre Wut, ihre Ideen, Vor­schlä­ge, ihre Träu­me.

Ich wer­de mich dar­über nicht wei­ter aus­brei­ten, denn die Com­pa­ñe­ras haben ihre eige­ne Stim­me, ihre eige­ne Geschich­te und eige­nen Weg. Ich habe dies nur erwähnt, weil noch nicht [all­ge­mein ]bekannt ist, wel­ches die mate­ri­el­le Grund­la­ge dar­stellt, auf der die von den zapa­tis­ti­schen Gemein­den beschlos­se­ne neue Etap­pe auf­bau­en wird. Die neue Initia­ti­ve, wie sie Außen­ste­hen­de nen­nen wür­den.

Ich habe die Ehre, dar­auf hin­wei­sen zu kön­nen: Nicht nur war der gesam­te Vor­schlag, von sei­nem Ent­wurf an, Pro­dukt des Kol­lek­tivs der zapa­tis­ti­schen orga­ni­sa­to­ri­schen Lei­tung, in der alle Maya-indi­ge­ne Wur­zeln haben (*2). Eben­so begrenz­te sich mei­ne Arbeit dar­auf, Infor­ma­tio­nen zu geben, wel­che mei­ne Che­fin­nen und Chefs (*2) mit den ihri­gen »kreuz­ten«, abgli­chen und aus­tausch­ten. Spä­ter war es dann an mir, ledig­lich Ein­wän­de und mög­li­che zukünf­ti­ge Miss­erfol­ge zu suchen und zu begrün­den (die ver­flix­te »Hypo­the­se«, auf die ich mich in einem der vor­he­ri­gen Tex­te bezo­gen habe). Letzt­lich – als dann die Berat­schla­gung des Vor­schlags zum Ende kam und sie des­sen zen­tra­le Idee kon­kre­ti­siert hat­ten, um sie der Befra­gung aller Pue­blos zu unter­zie­hen – war ich über­rascht, viel­leicht so sehr wie Ihr, wenn Ihr sie jetzt ken­nen­ler­nen wer­det.

In dem fol­gen­den wei­te­ren Frag­ment des Inter­views mit dem Sub­co­man­dan­te Insur­gen­te Moi­sés wird er uns nun erklä­ren, wie sie zu der Idee »des Gemein­schaft­li­chen« gekom­men sind. Mög­li­cher­wei­se kann eine*r von Euch, den zutiefst rebel­li­schen und sub­ver­si­ven Sinn des Gan­zen wert­schät­zen – in wel­chem wir, um nicht abzu­wei­chen, unse­re Exis­tenz aufs Spiel set­zen.

El Capi­tán.

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Das Nicht-Eigen­tum.
Nun gut, und kurz und knapp, dies ist unser Vor­schlag: Flä­chen von wie­der­ge­won­ne­nem Land als gemein­schaft­li­che ein­zu­rich­ten. Das heißt, ohne Eigentum[titel]. Weder pri­vat noch als Eji­do-Gemein­de­land, weder kom­mu­na­ler noch staat­li­cher, bun­des­staat­li­cher oder unter­neh­me­ri­scher Besitz. Nichts davon. Ein Nicht-Eigen­tum von Land. Wie so schön gesagt wird: »Land ohne Papie­re«. Somit, wenn auf die­sen noch zu bestim­men­den Län­de­rei­en gefragt wird, wem die­ses Land oder wer der Eigen­tü­mer ist, nun, dann wird geant­wor­tet: »Es ist Land von keinem*keiner«, das heißt, »es ist gemein­schaft­lich«.

Wenn danach gefragt wird, ob es Land von Zapa­tis­tas oder Parteianhänger*innen oder von wem auch immer sei – nun, es ist Land von kei­nem von ihnen. Bezie­hungs­wei­se, es ist Land von allen – was das­sel­be bedeu­tet. Es gibt kei­nen Comi­sa­ria­do-Ver­ant­wort­li­chen, kei­nen Agen­te-Beauf­trag­ten, der zu kau­fen, zu ermor­den wäre oder ver­schwun­den gemacht wer­den könn­te. Was es gibt, sind Pue­blos, die die­se Län­de­rei­en bear­bei­ten und bewah­ren. Und sie ver­tei­di­gen.

Ein wich­ti­ger Teil, um das zu errei­chen, besteht dar­in: Es muss eine Über­ein­kunft zwi­schen den Anwohner*innen geschlos­sen wer­den, ohne dass es eine Rol­le spielt, ob sie Zapa­tis­tas oder Partei-Anhänger*innen sind. Das heißt, sie müs­sen unter­ein­an­der spre­chen, und nicht mit den schlech­ten Regie­run­gen. Das Ersu­chen einer Erlaub­nis durch die schlech­ten Regie­run­gen hat nur Spal­tun­gen gebracht, bis hin zu Tötun­gen unten den Klein­bau­ern selbst.

Somit: Die Län­de­rei­en im per­sön­lich-fami­liä­ren Besitz respek­tie­rend, wie auch das Land, wel­ches den Arbei­ten der Kol­lek­ti­ve dient – wird auf wäh­rend der Kriegs­jah­re wie­der­ge­won­ne­nen Flä­chen Land geschaf­fen, das Nicht-Eigen­tum bil­det. Und es wird vor­ge­schla­gen, jenes gemein­schaft­lich und rotie­rend zu bear­bei­ten, ohne dass es wich­tig wäre, wel­cher Par­tei oder Reli­gi­on du anhängst, wel­che Far­be oder Grö­ße du hast oder wel­ches Gen­der.

Die Regeln sind ein­fach: Es muss eine Über­ein­kunft zwi­schen Bewohner*innen einer Regi­on geben. Kei­ner­lei Dro­gen anzu­bau­en, das Land nicht zu ver­kau­fen, Unter­neh­men und Indus­trien kei­ner­lei Zugang zu erlau­ben. Die Para­mi­li­tärs blei­ben aus­ge­schlos­sen. Das Pro­dukt der Arbeit auf den Län­de­rei­en ist den­je­ni­gen, wel­che sie in dem ver­ein­bar­ten Zeit­raum bear­bei­tet haben. Es gibt kei­ne Steu­ern oder Zah­lun­gen von Abga­ben. Jede Instal­la­ti­on, die gebaut wird, bleibt bestehen für die fol­gen­de Grup­pe. Mit­ge­nom­men wird ledig­lich das [direk­te] Pro­dukt ihrer [jewei­li­gen] Arbeit. Zu all­dem wer­den wir jedoch noch spä­ter etwas sagen.

Das ist also sehr zusam­men­ge­rafft, was allen zapa­tis­ti­schen Pue­blos prä­sen­tiert und mit ihnen allen zusam­men berat­schlagt wur­de. Und bei der Befra­gung kam her­aus, dass die immense Mehr­heit damit ein­ver­stan­den war/ ist. Und auch, dass es in eini­gen zapa­tis­ti­schen Regio­nen bereits seit Jah­ren so gemacht wird.

Und nun, was wir gemacht haben, war, einen Weg vor­zu­schla­gen, um den Sturm durch­que­ren und aus ihm wie­der gut und heil her­aus­kom­men zu kön­nen. Und die­sen Weg nicht nur als Zapa­tis­tas allei­ne zu machen, son­dern gemein­sam als Pue­blos ori­gi­na­ri­os, die wir sind. Na klar wer­den über die­sen Vor­schlag noch meh­re­re Vor­schlä­ge hin­aus­ge­hen: zu Gesund­heits­ver­sor­gung, Bil­dung, Gerichts­bar­keit, Regie­rung, Leben. Sagen wir es ein­mal so: Wir sehen das als not­wen­dig an, um sich dem Sturm gegen­über­stel­len zu kön­nen.

Den Weg den­ken und den Schritt.
Und wie kam das in unse­ren Kopf? Nun gut, ich wer­de es dir erzäh­len. Wir sahen ver­schie­de­ne Sachen. Das heißt, die­se Idee ent­stand nicht ein­fach auf ein­mal. Es war beim Zusam­men­kom­men, dass wir es Stück für Stück erkann­ten und dann erst alles zusam­men sahen.

Nun, ein Punkt war der Sturm. All das, was sich auf das Nicht-Ein­ver­ständ­nis der Natur bezieht. Ihre Form zu pro­tes­tie­ren, von Mal zu Mal hef­ti­ger und schreck­li­cher. Denn wir sagen zwar »Zer­stö­rung« dazu – doch was oft­mals geschieht, ist, als ob die Natur sich einen Raum wie­der zurück­ge­winnt und das Ein­drin­gen des Sys­tems atta­ckiert, bei­spiels­wei­se die Stau­däm­me. Oder tou­ris­ti­sche Orte, wel­che auf der Zer­stö­rung der Küs­ten erbaut wur­den. Mega-Pro­jek­te, die die Erde ver­wun­den, beschä­di­gen. Nun, dar­auf gibt es dann eine Ant­wort. Manch­mal schnell, manch­mal dau­ert es. Und das Men­schen­we­sen, tja, was das Sys­tem mit ihm*ihr macht: Es steht da wie erstarrt. Es reagiert nicht. Obwohl gese­hen wird, dass ein Unheil kommt, es Anzei­chen und War­nun­gen gibt – nun, es wird wei­ter gemacht, als ob nichts wäre, tja, und dann pas­siert, was pas­siert. Es wird dann gesagt, dass jenes Unglück über­ra­schend kam. Jedoch stellt sich her­aus, schon seit Jah­ren gibt es War­nun­gen, dass die Zer­stö­rung der Natur ihren Tri­but for­dern wird. Die Wis­sen­schaft, und nicht wir, haben das ana­ly­siert und auf­ge­zeigt. Nun wir, als Leu­te der Erde, haben es gese­hen, sehen es. Alles ist unnütz.

Das Unheil taucht nicht plötz­lich in dei­nem Hau­se auf, nein. Zuerst wird es sich nähern, macht sein Gelärm, damit du weißt, es kommt her­an. Es klopft an dei­ne Tür. Es zer­bricht alles. Nicht nur dein Haus, dei­ne Leu­te, dein Leben, dein Herz. Jetzt bist du bereits nicht mehr in Ruhe gelas­sen.

Die ande­re Sache [die wir sahen], ist das, was sie sozia­le Auf­lö­sung, gesell­schaft­li­chen Zer­fall nen­nen – und sie mei­nen, wegen der Gewalt zer­fällt das sozia­le Gefü­ge, oder wie wir dazu sagen: Eine Gemein­schaft von Per­so­nen ver­bin­det, bil­det sich durch gewis­se Regeln und Nor­men oder Über­ein­künf­te. Manch­mal wer­den geschrie­be­ne Geset­ze gemacht – manch­mal gibt es unge­schrie­be­ne, jedoch die Leu­te ken­nen sie. In vie­len Comu­ni­d­a­des, Gemein­den wird dazu »Pro­to­koll der Über­ein­kunft« gesagt; das heißt, es wird wört­lich-prak­tisch: »Dies kann gemacht wer­den; dies kann nicht getan wer­den; jenes muss gemacht wer­den« – und so wei­ter. Nun, zum Bei­spiel, dass wer arbei­tet, auch vor­an­kommt, und wer nicht arbei­tet, bleibt ziem­lich fer­tig. Dass es schlecht und bos­haft ist, eine Per­son zu etwas zu zwin­gen, was sie nicht möch­te – bei­spiels­wei­se im Fall der Män­ner gegen die Frau­en. Dass es schlecht, bös­ar­tig ist, den Schwa­chen Gewalt anzu­tun – oder zu töten, zu rau­ben, zu ver­ge­wal­ti­gen. Was jedoch pas­siert, wenn es umge­kehrt ist? Wenn die Bos­heit, die Bös­ar­tig­keit belohnt wird – und die Güte, Freund­lich­keit ver­folgt und bestraft wird? Bei­spiels­wei­se: Ein indi­ge­ner Klein­bau­er, der erkennt, dass die Zer­stö­rung eines Wal­des schlecht ist, wird zu sei­nem Bewah­rer. Er schützt ihn vor dem­je­ni­gen, der ihn aus Pro­fit-Stre­ben zer­stört. Zu ver­tei­di­gen ist da ein Gut: denn die­ser Bru­der oder die­se Schwes­ter bewahrt das Leben. Dies ist mensch­lich und hat nichts mit Reli­gi­on zu tun. Was jedoch geschieht ist: Der Bewah­rer wird ver­folgt, ein­ge­sperrt und nicht weni­ge Male ermor­det. Und wenn gefragt wird, was war denn sein Delikt, sodass sie ihn umge­bracht haben, ist dann zu hören: Sein Ver­ge­hen war, das Leben zu ver­tei­di­gen – so wie es beim Bru­der Samir Flo­res Soberanes (*3) geschah. Nun, es ist klipp und klar zu sehen, die­ses Sys­tem ist krank, ihm ist bereits nicht mehr zu hel­fen, und es muss woan­ders gesucht wer­den.

Was wird gebraucht, um die­ses Lei­den, die­se Ver­kom­men­heit für die Mensch­heit wahr­zu­neh­men? Dazu wird kei­ne Reli­gi­on oder Wis­sen­schaft oder Ideo­lo­gie gebraucht. Es reicht zu schau­en, zu erken­nen, zu hören, zu füh­len.

Und dann sehen wir, dass es den gro­ßen Befehls­ge­bern, den Kapi­ta­lis­ten, egal ist, was mor­gen pas­siert. Sie wol­len ihre Koh­le heu­te ver­die­nen. So viel und so schnell wie mög­lich. Es inter­es­siert sie nicht, wenn du ihnen sagst: »Hör‘ mal, was du da machst, zer­stört und die Zer­stö­rung setzt sich wei­ter fort, wächst an, wird unkon­trol­lier­bar und wird sich gegen dich wen­den, kehrt zu dir zurück. So als ob du nach oben spu­cken und gegen den Wind uri­nie­ren wür­dest. Nun, es wird zu dir zurück­kom­men.« Und du denkst viel­leicht, wie gut, dass das Unglück einem Drecks­kerl geschieht. Letzt­end­lich jedoch trifft es zuvor eine gan­ze Men­ge Leu­te, die noch nicht ein­mal wis­sen, war­um. Wie bei­spiels­wei­se die Kin­der. Was weiß ein Kind von Reli­gio­nen, Ideo­lo­gien, poli­ti­schen Par­tei­en oder was auch immer? Das Sys­tem macht jedoch die­se Kin­der ver­ant­wort­lich. Es lässt sie bezah­len. Es wird in ihrem Namen zer­stört, gemor­det, gelo­gen. Und es wird ihnen Tod und Zer­stö­rung wei­ter­ge­ge­ben.

Nun, somit ist nicht zu sehen, dass es sich bes­sern wird. Was wir wis­sen, ist, dass es schlim­mer wird. Und dass wir, so oder so, den Sturm durch­que­ren und auf die ande­re Sei­te gelan­gen müs­sen. Über­le­ben.

Eine ande­re Sache besteht dar­in, was wir inner­halb der Rei­se für das Leben erkannt haben. Was es an die­sen Orten gibt, bei denen ange­nom­men wird, sie sei­en vor­an­ge­schrit­te­ner, ent­wi­ckel­ter, wie gesagt wird. Wir sahen, dass all dies von »west­li­cher Zivi­li­sa­ti­on«, »Fort­schritt« und sol­che Geschich­ten eine Lüge ist. Wir sahen, dass sich dort das für Krie­ge und Ver­bre­chen Not­wen­di­ge befand. Nun haben wir zwei Din­ge gese­hen: Das eine besteht dar­in zu erken­nen, wohin der Sturm führt, wenn wir nichts tun. Das zwei­te ist, ande­re orga­ni­sier­te Rebel­lio­nen zu betrach­ten, wel­che dabei sind, inner­halb die­ser Geo­gra­phien auf­zu­bau­en. Das heißt, die­se Leu­te erken­nen das­sel­be, was wir sehen. Das meint, den Sturm.

Dank die­ser geschwis­ter­li­chen Pue­blos konn­ten wir unse­ren Blick erwei­tern, ihn aus­deh­nen. Das heißt, nicht nur weit­läu­fi­ger zu sehen, son­dern auch mehr zu betrach­ten. Nun, mehr Welt.

Dar­auf­hin haben wir indi­ge­nen Pue­blos, die wir sind, uns gefragt, was machen wir, damit es bereits Wert hat, wenn es dort jede*jeder erkennt. Denn wir sehen die­se Geschwis­ter der­art tun: Sie sor­gen sich um das, was Ande­ren pas­siert und schau­en nur nach jenen – nun, es wird sie jedoch gleich­falls tref­fen. Sie glau­ben, in sich selbst ein­ge­schlos­sen sicher zu sein. Aber ver­geb­lich.

Der Weg der Erin­ne­rung.
Somit dach­ten wir, wir wer­den dar­an erin­nern, wie es frü­her war. Wir befrag­ten unse­re Vor­fah­ren. Wir frag­ten sie, ob es frü­her der­art war. Wir frag­ten sie, sie soll­ten uns sagen, ob es immer Düs­ter­nis, Tod und Zer­stö­rung gege­ben habe. Nun, woher die­se Vor­stel­lung von Welt gekom­men sei. Wie kam es, dass alles kaputt ging. Wir dach­ten, wenn wir wis­sen, wann und wie das Licht ver­lo­ren ging, das gute Den­ken, das aus­ge­wo­ge­ne Wis­sen, was das Gute und was das Schlech­te sei – nun, dann könn­ten wir dies viel­leicht [wie­der] fin­den und damit kämp­fen, sodass alles wie­der gerecht, aus­ge­gli­chen wird – so wie es sein soll­te: das Leben respek­tie­rend.

Und wir sahen somit, woher das alles kam und erkann­ten, es kam mit dem Pri­vat­ei­gen­tum. Dass es nicht dar­um geht, die Bezeich­nung zu ändern und zu sagen: Es gibt Eji­do-Gemein­de-Land­be­sitz, es gibt Klein­ei­gen­tum oder staat­li­chen Besitz. Denn in allen Fäl­len ist es die schlech­te Regie­rung, die die dazu die Papie­re aus­stellt. Das heißt, es ist die schlech­te Regie­rung, die bestimmt, ob etwas exis­tiert – und mit ihren Tricks macht, dass etwas zu exis­tie­ren auf­hört. So wie sie es mit der Reform von Sali­nas de Gort­ari gemacht hat (*4) – mit den Schlä­gen gegen das kom­mu­na­le Eigen­tum, wel­ches nur exis­tier­te, wenn es regis­triert war und mit den­sel­ben Geset­zen ver­min­dert wur­de, bis es ganz ver­schwun­den war. Und sagen wir mal so: Auch das regis­trier­te kom­mu­na­le Eigen­tum erzeug­te Spal­tun­gen und Kon­fron­ta­tio­nen. Denn die Län­de­rei­en gehör­ten lega­ler­wei­se Eini­gen, jedoch ent­ge­gen­ge­setzt Ande­ren. Die Eigen­tums­ti­tel besag­ten nicht: »Das ist dir«, son­dern: »Das hier gehört Jenem nicht – also atta­ckie­re ihn.«

Und so hielt die schlech­te Regie­rung die Klein­bau­ern, die ein ums ande­re Mal ihre Run­den dreh­ten, damit sie ihnen ein Papier geben wür­den – wel­ches besagt: Es ist das Sei­ne, was ja sowie­so das Sei­ne ist, da er es bear­bei­tet. Und Klein­bau­ern führ­ten gegen Klein­bau­ern Krieg – nicht ein­mal für ein Stück Land son­dern für ein Papier, wel­ches aus­sagt, wer der Land-Eigen­tü­mer ist. Und wer mehr Papie­re hat, nun, [der erhält] mehr geld­li­che Unter­stüt­zung, und damit gibt es dann mehr Betrü­ge­rei. Denn letzt­end­lich, wenn du Papie­re hast, geben sie dir ein Sozi­al-Pro­gramm – jedoch wird von dir gefor­dert, bei­spiels­wei­se einen Kan­di­da­ten zu unter­stüt­zen: Denn jener, ja, wird dir das ent­spre­chen­de Papier aus­hän­di­gen und dir Geld geben. Aber es stellt sich her­aus, dass dich die­sel­be Regie­rung betrügt, denn mit dem­sel­ben Papier wird das Land an ein Unter­neh­men ver­kauft. Ja, und dann kommt das Unter­neh­men an und sagt dir, du musst die­ses Grund­stück ver­las­sen, weil es nicht das dei­ne ist, denn das Papier hat jetzt der scheiß Unter­neh­mer in sei­nen Hän­den. Und du wirst abhau­en, ent­we­der im Guten oder im Schlech­ten. Denn dort haben sie Armeen, Poli­zis­ten und Para­mi­li­tärs, um dich vom Weg­ge­hen zu über­zeu­gen.

Es reicht, dass das Unter­neh­men meint, es möch­te gewis­se Grund­stü­cke, damit die Regie­rung die Ent­eig­nungs­ti­tel für die­ses Land erlässt – und zum Unter­neh­men sagt, es sol­le sei­nem Geschäft »eine Zeit­lang« nach­ge­hen. So machen sie es mit den Mega-Pro­jek­ten.

Und all das wegen einem beschis­se­nen Papier. Auch wenn das Schrift­stück aus der Zeit der Nue­va Espa­ña [des »Neu-Spa­ni­ens«] stammt, hat es für den Mäch­ti­gen kei­ne Gül­tig­keit. Es ist ein Betrug. Damit du ver­trau­ens­se­lig und ruhig bleibst, bis das Sys­tem ent­deckt, dass sich unter dei­ner Dürf­tig­keit Erd­öl, Gold, Uran oder Sil­ber befin­den. Oder es dort eine Quel­le mit sau­be­rem Was­ser gibt – denn jetzt stellt Was­ser eine Ware dar, die gekauft und ver­kauft wird.

Eine Ware, wie es dei­ne Eltern, Groß­el­tern, Urgroß­el­tern waren. Eine Ware, wie du eine bist und dei­ne Kin­der, Enkel, Uren­kel und wei­te­re Gene­ra­tio­nen es sein wer­den.

Somit stellt die­ses Schrift­stück nichts wei­ter als ein Waren­e­ti­kett auf den Märk­ten dar, es zeigt den Land­preis, den Preis dei­ner Arbeit, dei­ner Nach­kom­men. Und du bemerkst es noch nicht, du stehst bereits in der Schlan­ge zur Kas­se an – und dort wirst du [auch] hin­ge­lan­gen. Du wirst nicht nur bezah­len müs­sen, son­dern wirst auch das Geschäft ver­las­sen und mer­ken, sie haben dir die Ware weg­ge­nom­men. Du wirst nicht ein­mal das Papier haben, wofür du und dei­ne Vor­fah­ren so sehr gekämpft haben. Dei­nen Kin­dern wirst du viel­leicht ein Schrift­stück ver­er­ben, viel­leicht noch nicht ein­mal das. Die Schrift­stü­cke der Regie­rung bil­den den Preis dei­nes Lebens ab, wel­chen du mit dei­nem Leben bezah­len musst. Somit bist du eine lega­le Ware. Das ist der ein­zi­ge Unter­schied zur Skla­ven­schaft.

Nun, die Ältes­ten wer­den dir erzäh­len, dass das Pro­blem, die Spal­tung, die Aus­ein­an­der­set­zun­gen und der Streit mit den papier­nen Eigen­tums­ti­teln began­nen. Das heißt nicht, dass es zuvor kei­ne Pro­ble­me gege­ben hät­te, sie wur­den jedoch gelöst, indem Über­ein­künf­te getrof­fen wur­den.

Das Pro­blem ist, du kannst ja vie­le Papie­re fabri­zie­ren, die viel­mals das Land auf­tei­len – aber das Land ver­mehrt sich nicht wie die Papie­re. Ein Hekt­ar bleibt ein Hekt­ar, auch wenn es vie­le Schrift­stü­cke gibt.

Dar­auf­hin geschah das, was sie jetzt als »Vier­te Trans­for­ma­ti­on« bezeich­nen und als deren Sozi­al-Pro­gramm »Leben säen« (*5): In den Eji­do-Gemein­de­län­de­rei­en gibt es die Land­ti­tel-Inha­ber; sie sind die Eji­da­ri­os, die Eji­do-Mit­glie­der, wel­che die­ses ver­damm­te Papier eines Land­zer­ti­fi­kats haben. Und es gibt die Bewer­ber, die – obwohl sie an der Comu­ni­dad teil­neh­men – kei­ner­lei Papier haben – denn das Land ist ja bereits auf­ge­teilt. Angeb­lich sind die Bewer­ber Bewer­ber, weil sie sich um ein Stück Land bewer­ben. In Wirk­lich­keit bewer­ben sie sich jedoch um ein Papier, was aus­sagt, sie sind Klein­bau­ern, die das Land bear­bei­ten. Es ist jedoch nicht so, dass die Regie­rung ankommt und ihnen sagt, wel­ches Land­stück sie angeht. Nein, sie sagt zu ihnen, wenn jene den Besitz von zwei Hektaren Land nach­wei­sen kön­nen, dann erhal­ten sie die öko­no­mi­sche Unter­stüt­zung [des Pro­gramms]. Aber woher kom­men die­se zwei Hekt­ar? Nun, von den Rechts­ti­tel-Inha­bern [des Eji­do-Lands].

Das Land – von dem das Schrift­stück besagt, wer der Eigen­tü­mer ist – muss für die Bewer­ber [des Pro­gramms] in Stü­cke zer­teilt wer­den. Es muss zer­stü­ckelt wer­den, um ver­schie­de­ne Eigen­tums­ti­tel eines ein­zi­gen Papiers zu erhal­ten. Es gibt kei­ne Land-Ver­tei­lung; es gibt Zer­stü­cke­lung von Eigen­tum. Und was ist, wenn der Rech­te­inha­ber nicht möch­te oder nicht kann? Sei­ne Kin­der möch­ten die öko­no­mi­sche Unter­stüt­zung [durch das Pro­gramm], brau­chen jedoch die­ses Papier. Nun, sie strei­ten sich mit ihrem Vater. Die Töch­ter? Pus­te­ku­chen! Frau­en zäh­len nicht bei der Zer­stü­cke­lung von Papie­ren. Die Söh­ne strei­ten bis auf den Tod mit ihren Vätern. Es gewin­nen die Söh­ne und mit die­sem Schrift­stück – denn das Land bleibt ja das­sel­be und hat ja wei­ter­hin die­sel­be Lage – erhal­ten sie Geld. Mit die­ser Koh­le ver­schul­den sie sich, kau­fen irgend­et­was oder wer­fen es zusam­men, um den Schlep­per zu bezah­len, um so in die USA zu gelan­gen. Wenn es ihnen nicht aus­reicht, nun, dann ver­kau­fen sie das Papier einem Ande­ren. Sie gehen, um woan­ders zu arbei­ten und letzt­end­lich ver­die­nen sie, um die­je­ni­gen zu bezah­len, wel­che ihnen Geld gelie­hen haben. Ja, sie schi­cken Geld-Über­wei­sun­gen an ihre Fami­li­en und die­se nut­zen es, um die Schul­den zu zah­len. Nach einer Zeit kehrt die­ser Sohn zurück oder er wird zurück­ge­kehrt. Dies nur wenn sie ihn nicht umbrin­gen oder ent­füh­ren. Doch jetzt hat er kein Land mehr, denn er hat das Papier ver­kauft, und jetzt ist das Land dem, der das Papier besitzt. Letzt­end­lich hat er sei­nen Vater ermor­det für ein Papier, was er nicht mehr besitzt. Und somit muss er Geld auf­brin­gen, um die­ses Papier zurück­zu­kau­fen.

Die Bevöl­ke­rung wächst, jedoch nicht das Land. Es gibt mehr Schrift­stü­cke, die Flä­che des Lands bleibt jedoch gleich. Was wird gesche­hen? Dass sie sich jetzt zwi­schen Land­ti­tel-Inha­bern und Bewer­bern töten, um sich danach zwi­schen Bewer­bern zu töten? Sei­ne Kin­der wer­den sich unter­ein­an­der strei­ten, so wie er gegen sei­ne Väter stritt.

Zum Bei­spiel: Du bist Land­ti­tel­hal­ter mit zwan­zig Hekt­ar Land und du hast, sagen wir mal, vier Kin­der. Das ist die ers­te Gene­ra­ti­on. Du teilst das Land auf oder bes­ser, das Schrift­stück, und jetzt gibt es ein Schrift­stück mit jeweils fünf Hektaren Land für jedes Kind. Spä­ter wer­den die­se vier Kin­der jeweils vier Kin­der haben: die zwei­te Gene­ra­ti­on. Und sie tei­len ihre jeweils fünf Hekt­ar und somit erhält jedes Kind etwas mehr als einen Hekt­ar Land. Die­se vier Enkel­kin­der wer­den auch jeweils vier Kin­der haben: die drit­te Gene­ra­ti­on, und sie tei­len das Papier auf, und es bleibt jedem Kind ein Vier­tel Hekt­ar Land. Danach wer­den die­se Uren­kel­kin­der eben­so jeweils vier Kin­der haben: die vier­te Gene­ra­ti­on – und sie wer­den wei­ter das Schrift­stück auf­tei­len, und jedem Kind ver­bleibt ein Zehn­tel Hekt­ar Land. Ich mache hier nicht wei­ter, denn spä­tes­tens in 40 Jah­ren, inner­halb der zwei­ten Gene­ra­ti­on, wer­den sie sich gegen­sei­tig umbrin­gen. Das ist, was die schlech­ten Regie­run­gen tun: den Tod säen.

Der alte neue Weg.
Wie war das in unse­rer Geschich­te des Kamp­fes mit dem, was »mate­ri­el­le Basis« genannt wird?

Nun, zuerst war die Ernäh­rung. Mit dem Wie­der­ge­win­nen der Län­de­rei­en, die zuvor in den Hän­den der Fin­que­ros, der Groß­grund­be­sit­zer, gewe­sen waren, ver­bes­ser­te sich die Ernäh­rung. Der Hun­ger war nicht mehr der Gast in unse­ren Häu­sern. Danach folg­te – mit der Auto­no­mie und der Unter­stüt­zung von Per­so­nen, die »gute Leu­te« sind, wie wir sagen – die Gesund­heits­ver­sor­gung. Hier war und ist die Unter­stüt­zung der brü­der­li­chen Ärz­te sehr wich­tig – wir nen­nen sie so, weil sie wie unse­re Geschwis­ter hel­fen, nicht nur bei schwe­ren Erkran­kun­gen. Auch und vor allem in der Vor­be­rei­tung, also im Gesund­heits­wis­sen. Dar­auf­hin dann der Bil­dungs­be­reich. Dann die Bear­bei­tung des Lands. Dem folg­te, was Selbst-Regie­rung und Selbst­ver­wal­tung der zapa­tis­ti­schen Pue­blos bedeu­tet. Dann das, was Regie­rung und fried­li­ches Zusam­men­le­ben mit den­je­ni­gen, die Nicht-Zapa­tis­tas sind, bedeu­tet.

Die mate­ri­el­le Basis von dem, das heißt, die Pro­duk­ti­ons­form, besteht im Zusam­men­le­ben von indi­vi­du­ell-fami­liä­rer Arbeit und kol­lek­ti­ver Arbeit. Die kol­lek­ti­ve Arbeit mach­te den öko­no­mi­schen Auf­schwung der Com­pa­ñe­ras und ihre Teil­nah­me inner­halb der Auto­no­mie mög­lich.

Sagen wir mal so: Die ers­ten zehn Jah­re der Auto­no­mie – das heißt, vom Auf­stand [1994] bis zur Ent­ste­hung der Räte der Guten Regie­rung in 2003 – waren ein Ler­nen. Die dar­auf fol­gen­den Jah­re bis 2013 bestan­den dar­in, die Wich­tig­keit des Gene­ra­tio­nen-Wech­sels zu erler­nen. Von 2013 bis jetzt ging es dar­um, die Feh­ler im Ablauf, in Ver­wal­tung und Ethik fest­zu­stel­len, zu kri­ti­sie­ren und zu selbst­kri­ti­sie­ren.

In dem, was jetzt folgt, wer­den wir eine Etap­pe des Ler­nens und der Neu­an­pas­sung haben. Nun, wir wer­den vie­le Feh­ler und Pro­ble­me haben, denn es gibt ja kein Hand­buch oder ein ande­res Buch, was dir sagt, wie es zu machen ist. Wir wer­den oft stür­zen, ja, und wir wer­den ein ums ande­re Mal wie­der auf­ste­hen, um wei­ter zu gehen. Nun, wir sind Zapa­tis­tas.

Die mate­ri­el­le Basis oder die Pro­duk­ti­ons­grund­la­ge die­ser jet­zi­gen Etap­pe wird eine Kom­bi­na­ti­on sein aus indi­vi­du­ell-fami­liä­rer Arbeit, kol­lek­ti­ver Arbeit und was wir »gemein­schaft­li­che Arbeit« oder »Nicht-Eigen­tum« nen­nen.

Die indi­vi­du­ell-fami­liä­re Arbeit grün­det sich auf dem per­sön­li­chen Klein­ei­gen­tum. Eine Per­son und ihre Fami­lie bear­bei­ten ein Stück Land, arbei­ten in ihrem klei­nen Laden, in der [klei­nen] Vieh­zucht, als mobi­le Arbeits­kraft. Der Ver­dienst oder Ertrag ist für die­se Fami­lie.

Die kol­lek­ti­ve Arbeit grün­det sich auf der Über­ein­kunft zwi­schen Com­pa­ñe­ras und/oder Com­pa­ñe­ros, um eine Arbeit auf kol­lek­ti­vem Land zu machen (der­art bereits vor dem Krieg dazu bestimmt und nach dem Krieg noch erwei­tert). Die Arbei­ten wer­den gemäß Zeit, Fähig­keit und Bega­bung ver­teilt. Ein­künf­te oder Erträ­ge sind für das Kol­lek­tiv. Gewöhn­lich wird es für Fes­te, Mobi­li­sie­run­gen, den Erwerb von Aus­stat­tung im Gesund­heits­be­reich, für die Aus­bil­dung von Gesund­heits- und Bil­dungs­be­auf­trag­ten oder den Trans­port und Unter­halt von auto­no­men Ver­ant­wort­li­chen und Kom­mis­sio­nen ver­wen­det.

Die gemein­schaft­li­che Arbeit beginnt jetzt auf dem Land-Haben. Ein Teil der [1994] wie­der­ge­won­ne­nen Län­de­rei­en wird als »gemein­schaft­li­che Arbeit« dekla­riert. Das heißt, es ist nicht-par­zel­liert und Eigen­tum von keiner*keinem, weder in klei­nem, mitt­le­rem noch gro­ßem Besitz. Die­ses Land ist nie­man­dem, es hat kei­nen Eig­ner. Und in Über­ein­kunft mit den nahe­ge­le­ge­nen Comu­ni­d­a­des wird sich die­ses Land gegen­sei­tig »gelie­hen«, um es zu bear­bei­ten. Es kann nicht ver­kauft oder gekauft wer­den. Es kann nicht für die Pro­duk­ti­on, den Umschlag und Kon­sum von Rausch­mit­teln genutzt wer­den. Die Arbeit wird in – mit den GAL, den Loka­len Auto­no­men Regie­run­gen und den nicht-zapa­tis­ti­schen Geschwis­tern ver­ein­bar­ten – »rotie­ren­den Schich­ten« gemacht. Erträ­ge und Gewinn sind für die­je­ni­gen, die arbei­ten – jedoch bil­det es kein Eigen­tum, es ist Nicht-Eigen­tum, wel­ches gemein­schaft­lich genutzt wird. Es ist egal, ob du Zapa­tis­ta, par­tei­an­hän­gend, katho­lisch, evan­ge­lisch, pres­by­te­ria­nisch, athe­is­tisch, jüdisch, isla­misch, ob du schwarz, weiß, dun­kel, gelb, rot, Frau, Mann oder Otroa, Ande­rEr bist. Du kannst gemein­schaft­lich das Land bear­bei­ten, in Über­ein­kunft mit den GAL, den Loka­len Auto­no­men Regie­run­gen, den CGAL; den Kol­lek­ti­ven der Loka­len Auto­no­men Regie­run­gen; der ACGAL, der Voll­ver­samm­lung der Kol­lek­ti­ve der Loka­len Auto­no­men Regie­run­gen der jewei­li­gen Gemein­de, Regi­on, Zone. Sie sind die­je­ni­gen, die kon­trol­lie­ren, ob die Regeln des gemein­schaft­li­chen Gebrauchs erfüllt wer­den: alles, was dem Gemein­wohl dient – nichts, was sich gegen das Gemein­wohl wen­det.

Ein welt­wei­ter Aus­tausch: Die Rei­se für das Leben.
Eini­ge Hekt­ar die­ses Nicht-Eigen­tum wer­den den geschwis­ter­li­chen Pue­blos der Welt zuge­dacht. Wir wer­den sie ein­la­den, zu kom­men und die­ses Land zu bear­bei­ten, mit ihren eige­nen Hän­den und Kennt­nis­sen. Was pas­siert, wenn sie das Land nicht zu bear­bei­ten wis­sen? Nun die zapa­tis­ti­schen Com­pa­ñe­ras und Com­pa­ñe­ros wer­den ihnen zei­gen, wie – eben­so die Zei­ten der Erde und ihre sorg­fäl­ti­ge Beach­tung und Pfle­ge. Wir den­ken, es ist wich­tig zu wis­sen, das Land zu bear­bei­ten – das heißt, zu wis­sen, es zu respek­tie­ren. Ich glau­be nicht, dass es einer*einem scha­den wird – so wie sie*er in Labo­ra­to­ri­en und For­schungs­zen­tren stu­diert und lernt, auch die Arbeit auf dem Feld zu stu­die­ren und zu erler­nen. Und noch bes­ser, wenn die­se geschwis­ter­li­chen Pue­blos [eige­ne] Kennt­nis­se und einen [eige­nen] Modus haben, um das Land zu bear­bei­ten – und die­se uns mit­brin­gen, denn so ler­nen auch wir. Es ist wie ein Aus­tausch, ein Mit-Tei­len, jedoch nicht nur in Wor­ten son­dern auch in der Pra­xis.

Wir brau­chen nicht, dass zu uns gekom­men wird, um uns die Aus­beu­tung zu erklä­ren, denn wir haben die­se Jahr­hun­der­te­lang erfah­ren und erlebt. Auch nicht, dass zu uns gekom­men wird, um uns zu sagen: Es muss gestor­ben wer­den, um die Frei­heit zu erlan­gen. Dies wis­sen wir und prak­ti­zie­ren wir tag­täg­lich seit hun­der­ten von Jah­ren. Was will­kom­men ist, ist Kennt­nis und Pra­xis für das Leben.

Schau‘ mal, die Dele­ga­ti­on, die nach Euro­pa reis­te, lern­te vie­le Sachen, aber die wich­tigs­te, die wir lern­ten, besteht dar­in: Es gibt dort vie­le Ein­zel­per­so­nen, Grup­pen, Kol­lek­ti­ve, Orga­ni­sa­tio­nen, wel­che nach der Form suchen, um für das Leben zu kämp­fen. Sie haben ande­re Far­be, Spra­che, Gewohn­hei­ten, Kul­tur, Modus. Jedoch haben sie das­sel­be wie wir: das Herz des Kamp­fes.

Sie suchen nicht nach, wer am bes­ten ist oder wer ihnen einen Pos­ten inner­halb der schlech­ten Regie­run­gen gibt. Sie suchen, die Welt gene­sen zu machen. Und ja, sie sind unter sich sehr ver­schie­den. Aber sie sind Glei­che, oder bes­ser gesagt, wir sind Glei­che. Denn wir wol­len wirk­lich etwa Ande­res schaf­fen, und dies Ande­re ist die Frei­heit. Das meint, das Leben.

Und wir zapa­tis­ti­schen Comu­ni­d­a­des sagen: All die­se Per­so­nen sind unse­re Fami­lie. Es spielt kei­ne Rol­le, dass sie sehr weit weg sind. In die­ser Fami­lie gibt es gro­ße Schwes­tern, gro­ße Brü­der und Schwes­ter­chen, Brü­der­chen. Und es gibt keine*n, die*der bes­ser ist, son­dern alle sind eine Fami­lie. Als Fami­lie unter­stüt­zen wir uns, wenn wir kön­nen, und zei­gen uns, was wir wis­sen.

Und Alle* sind Leu­te von unten. War­um? Weil die von oben den Tod ver­kün­di­gen, denn dies bringt ihnen Gewin­ne. Die von oben möch­ten, dass sich die Din­ge ändern, jedoch zu ihrem Pro­fit, obzwar es doch jedes mal schlech­ter wird. Des­halb sind es die von unten, die für das Leben kämp­fen wer­den und bereits kämp­fen. Wenn das Sys­tem töd­lich ist, wird der Kampf für das Leben zum Kampf gegen das Sys­tem.

Was folgt danach? Nun gut jede*jeder wird ihre*seine Vor­stel­lung, ihr*sein Den­ken und ihren*seinen Plan des­sen, was bes­ser ist, schaf­fen. Und viel­leicht hat jede*jeder ein ver­schie­de­nes Den­ken und einen unter­schied­li­chen Modus. Dies muss respek­tiert wer­den. Denn in der orga­ni­sier­ten Pra­xis sieht jede*jeder, was ent­steht und was nicht. Das heißt, es gibt kei­ner­lei Rezep­te und kei­ne Hand­bü­cher, denn was den einen dient, nutzt ande­ren mög­li­cher­wei­se gar nicht. Das welt­weit »Gemein­schaft­li­che« ist der Aus­tausch, das Mit-Tei­len von Geschich­ten, Kennt­nis­sen und Kämp­fen.

Das bedeu­tet, wie so schön gesagt wird: Die Rei­se für das Leben geht wei­ter. Nun, für/wegen dem Kampf.

Aus den Ber­gen des Süd­os­ten Mexi­kos.
Sub­co­man­dan­te Insur­gen­te Moi­sés.

Mexi­ko, Dezem­ber 2023. 500, 40, 30, 20, 10, 3, ein Jahr(e), eini­ge Mona­te, Wochen, Tage, nur ein kur­zes Weil­chen danach.

PS. Am Ende des Inter­views, beim Durch­se­hen, ob sei­ne Erklä­run­gen voll ver­ständ­lich sind, zün­de­te sich der Sub­co­man­dan­te Insur­gen­te Moi­sés – wel­cher vor zehn Jah­ren [die Auf­ga­be] als zapa­tis­ti­sche Lei­tung und Spre­cher erhielt – sei­ne hun­derts­te Ziga­ret­te an. Ich rauch­te mei­ne Pfei­fe an. Wir betrach­te­ten den Tür­sturz der Cham­pa, der Holz­hüt­te. Die Mor­gen­däm­me­rung begann auf­zu­schei­nen und die ers­ten Lich­ter des Tages brach­ten die Geräu­sche in den Ber­gen des Süd­os­ten Mexi­kos zum Erwa­chen. Wir sag­ten nichts mehr, viel­leicht dach­ten wir jedoch bei­de: »Und es fehlt das, was fehlt.«

PS. Was unter Eid erklärt: In kei­ner­lei Moment oder Etap­pe der Berat­schla­gung, die zur Ent­schei­dung führ­te, wel­che die zapa­tis­ti­schen Pue­blos tra­fen, spru­del­ten leuch­ten­de Zita­te, Fuß­no­ten oder Ver­wei­se her­vor – sei­en es noch so abge­le­ge­ne wie von Marx, Engels, Lenin, Trot­ski, Sta­lin, Mao, Baku­nin, dem Che, Fidel Cas­tro, Kro­pot­kin, Flo­res Magón, aus der Bibel, dem Koran, von Mil­ton Fried­man, Milei, dem Pro­gres­sis­mus (falls er irgend­wel­che biblio­gra­phi­schen Bezü­ge hat, die nicht aus sei­ner Kack-Feder her­rüh­ren), der Befrei­ungs­theo­lo­gie, von Lom­bar­do, Revuel­tas, Freud, Lacan, Fou­cault, Deleu­ze – oder was auch immer gera­de inner­halb der Lin­ken oder irgend­ei­ner Quel­le der Lin­ken, der Rech­ten, der nicht exis­tie­ren­den Mit­te in Mode und ihnen gemäß sein mag. Und nicht nur das, denn ich stell­te fest, sie haben nicht eines der grund­le­gen­den Wer­ke der -Ismen gele­sen, wel­che die Träu­me und Nie­der­la­gen der Lin­ken näh­ren. Ich gebe denen, die die­se Zei­len lesen, einen unge­be­te­nen Rat: Jede*jeder ist frei, sich lächer­lich zu machen, doch emp­feh­le ich Ihnen, bevor Sie mit Ihren Blöd­sin­nig­kei­ten begin­nen vom Typ: »das Labo­ra­to­ri­um des Lakan­do­ni­schen [Urwalds]«, »das zapa­tis­ti­sche Expe­ri­ment« – oder dies auf die eine oder ande­re Art begin­nen ein­zu­ord­nen – den­ken Sie zuvor ein wenig nach. Und da wir gera­de von Lächer­lich­kei­ten spre­chen: Sie machen ja bereits seit fast 30 Jah­ren beim »Erklä­ren« des Zapa­tis­mus eine rie­si­ge Lach­num­mer. Viel­leicht erin­nern Sie sich jetzt nicht dar­an – jedoch [wir] hier ja. Denn was es hier im Über­fluss gibt, außer Wür­de und Schlamm, das ist Erin­ne­rung und Gedächt­nis. Das auf jeden Fall.

Beglau­bigt.


Der Capi­tán.

über­setzt von lisa-colec­tivo malínt­zin.


Anmer­kun­gen der_die Übersetzer_in:

(1) »Der Kampf als Frau­en, die wir sind«: auch als Video mit eini­gen Ori­gi­nal-Bei­trä­gen der zapa­tis­ti­schen Com­pa­ñe­ras (mit deut­schen Unter­ti­teln) zu sehen und her­un­ter­zu­la­den unter: https://tresgatas.noblogs.org/filme/#Mujeres
(2) CCRI – Comi­té Clan­des­ti­no Revo­lu­cio­na­rio Indí­ge­na: Gehei­mes Revo­lu­tio­nä­res Indi­ge­nes Komi­tee: poli­ti­sche Lei­tung der EZLN, ist ein Kol­lek­tiv aus Coman­dan­tas und Coman­dan­tes, wel­ches die Pue­blos berät.
(3) Samir Flo­res Soberanes: Mit­glied des Con­gre­so Nacio­nal Indí­ge­na (CNI); Nahua-Akti­vist der FPDTA von More­los; wur­de von Auf­trags­kil­lern im Febru­ar 2019 ermor­det, weil er im Wider­stand war gegen das Mega-Ener­gie­pro­jekt Proyec­to Inte­gral de More­los.
(4) Auf Ver­an­las­sung des dama­li­gen mexi­ka­ni­schen Prä­si­den­ten Sali­nas de Gort­ari wur­de 1991 das Recht der Bau­ern auf Eji­do-Gemein­schafts­land aus der Ver­fas­sung Mexi­kos (Arti­kel 27) gestri­chen.
(5) »Vier­te Trans­for­ma­ti­on«: Selbst­be­zeich­nung der jet­zi­gen mexi­ka­ni­schen neo­li­be­ra­len Regie­rungs­po­li­tik unter ihrem Prä­si­den­ten Andrés Manu­el López Obra­dor.
»Sem­bran­do Vida« (»Leben säen«): Sozi­al-Pro­gramm, bei dem es angeb­lich um Wie­der­auf­fors­tung geht; tat­säch­lich wird damit kom­mu­na­les Land pri­va­ti­siert, zum Anpflan­zen von Nutz­höl­zern und Obst­bäu­men für den Welt­markt.


Quel­le – auf deutsch:

https://enlacezapatista.ezln.org.mx/2023/12/21/zwanzigster-und-letzter-teil-das-gemeinschaftliche-und-das-nicht-eigentum/

Quel­le – spa­ni­sches Ori­gi­nal:
https://enlacezapatista.ezln.org.mx/2023/12/20/vigesima-y-ultima-parte-el-comun-y-la-no-propiedad/

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